Rennrad

Superrandonneé Lombardia Extreme

Die Unendlich-Stolz-Formel:
Tu, was du glaubst, nicht zu können

Zuerst wie immer mein Video: …………………………………..italiano ……… Strava

Vorausgeschickt:
Das Format Superrandonneé wird in Italien immer beliebter, besonders in Covid-19 Zeiten ist es ideal. Es gibt inzwischen in ganz Italien 6 permanente Superrandonneés. Innerhalb 60h muss ein vorgegebener Parcour gefahen werden. Dieser hat um die 600 Kilometer und muss über 10.000 Höhenmeter aufweisen. Die Superrandonneé Lombardia Extreme hat 14.000 Höhenmeter.
Im vergangenen Jahr haben wir unsere erste Superrandonneé erfolgreich gefinisht, die Ötztal-Rundfahrt von der Ara München. Toll dabei ist, dass ein Startplatz in Brixen eingerichtet wurde, von der Audax Paris genehmigt. Wir hatten damals zweimal im Hotel geschlafen und somit die Zeit ziemlich genau ausgereizt.
Nun die Lombardia Extreme versprach mit 4000 Höhenmetern mehr nochmal eine Nummer größer zu werden. Schlaf? Ausreichend? Wohl kaum. Wenn wir Zeit einsparen müssen, um zeitlich anzukommen und als Randonneure homologiert zu werden, dann wohl durch Streichen der Schlafstunden. Also, Hotel können wir uns „abschminken“. Was nun? Dann halt das Schlafzimmer mitschleppen … Das bedeutet bei mir zum Glück nicht mal ein Kilogramm mehr Gewicht, allerdings hängt die Tasche am Lenker im Wind und bremst wohl etwas.

Start: Parabiago 4:30 Uhr –der Countdown von 60 h läuft nun …
Wunderbar durch die frühmorgendlichen Dörfer zu fahren dem Sonnenaufgang entgegen. In der Ferne vor uns wohl die Bergketten, die für heute auf dem Programm stehen. Es geht leicht auf und ab. Voll motiviert brenne ich dem ersten der 15 Berge entgegen.
Ich habe gelernt: Die Vorfreude auf die ersten Berge flacht sich frühestens bei der dritten Passhöhe merklich ab.

2. Colle Brianza (Km 82, 1200 Hm Aufstieg)

Unser erster Berg. Die Steigung ist moderat bis auf ein paar kurze „bissige“ Abschnitte.
Erstaunen, als wir am höchsten Punkt vor einer Schranke stehen mit Fahrbeschränkung. Wir fahren trotzdem. Die Straße ist übersät mit Löchern. Schnelle Abfahrt unmöglich. Durch ein verlassenes Dörfchen, bezeichnenderweise „Gosttown“, dann wird die Straße besser. Die langsame Abfahrt hat uns schon aus meinem Zeitplan „geschossen“.
Ich habe gelernt:  Dass ich wohl keine Rückschlüsse aus unserer Erfahrung bei der TPBR 2019 gezogen habe: Dort waren wir schon nach einem halben Tag nicht mehr im Zeit-Plan. 

3. Passo di Valcava (Km 109, 1200 Hm Aufstieg)

Abfahrt ins Tal und auf der anderen Seite geht es gleich wieder hoch, moderate Steigung. Aber nach etwa 10 Kilometern bekommen die Beine das erste Mal so richtig Arbeit. Der Blick zurück in die Ebene Richtung Bergamo lässt die Anstrengung kurz vergessen, aber dann wird es wirklich steil mit mehr als 18% Steigung und nicht nur ganz kurz … Die Passhöhe lässt die Anstrengungen vergessen. Traumaussicht. Die zwei Würstelstände lassen wir links liegen. Foto. Ein Radfahrer-Paar bittet uns ein Foto zu schießen … Meine Gedanken rotieren … Lombardei … eigentlich sollten wir garnicht hier sein wegen der Lage Covid 19 und ich soll ohne Handschuhe ein fremdes Smartphone angreifen … Soll ich? Aber wie formuliere ich eine Absage? Ich springe über meinen Schatten. Wird sich wohl in 10 Tagen rausstellen. Ich geben ihnen sofort auch mein Handy, damit sie wechselweise uns knipsen. Dann geht es flott Richtung Tal.
Ich habe gelernt:
Erstens: Kontakt zu anderen lässt sich nicht unbedingt vermeiden.
Und zweitens: 20% Steigung können dazu führen, dass man (frau) fast hintenüberkippt, da sich das Vorderrad von der Straße hebt … Auch mit voll bepacktem Rad.

4. Berbenno (Km 134, 360 Hm Aufstieg)

Das ist gar kein richtiger Berg. Wir müssen hoch in ein kleines Dörfchen, um dann ins Val Brembilla zu gelangen. Der Aufstieg liegt in der prallen Sonne. Der Schweiß läuft in die Augen. Die Abfahrt durch die Schlucht des Torrente Brembilla ist dafür sehr angenehm. Fast am Talschluss lohnt sich ein Fotostopp an einer wunderschönen mittelalterlichen Stein-Brücke, am Ponte del Cappello.
Ich habe gelernt: Wessen Ziel es ist, in weit unter 60h ins Ziel zu fahren, der/ die darf nicht dauernd stehen bleiben, um Fotos für das Video zu schießen. Hier geht es um ENTWEDER- ODER.

5. Passo di Zambla (Km 174, 1050 Hm Aufstieg)

Der Colle di Zambla ist Übergang zwische Val Brembana und Val Seriana. In der Mittagshitze treten wir durch das Brembatal hoch und biegen ab Richtung Oltre Colle, das unter der Passhöhe liegt. Etwa auf Halbweg kommt es mir in den Sinn eine der Fahnen, die fast auf jedem Haus hängen, zu fotografieren „Noi – Herz – Bergamo“. Da sehe ich zufällig auf dem Display, dass gerade ein Anruf eingeht. Wer braucht mich da? Aha! Mino, der Organisator, mit seiner Barbara, die auf  dem Heimweg aus dem Urlaub einen Umweg machen, um uns zu sehen. Wo wir sind? Sie möchten mir uns ein Eis essen. Noch mindestens 6 Kilometer bergauf sind es. Stress. Wir werden erwartet, ich lege einen Zahn zu. Und gelange gefühlt am Ende nach Oltercolle. Aber Eis und Cola richten mich wieder auf. Die letzten vier Kilometer gemeinsam mit Mino und Barbara gehen mit Quatschen schnell vorüber.
Ich habe gelernt: Man sollte sich von anderen nicht stressen lassen, die Zunge hängt in der Mittagshitze schnell mal bis fast auf den Boden. Aber Eis wirkt Wunder bei der Schnell-Regeneration.

6. Passo della Presolana (Km 209, 720 Hm Aufstieg)

Vor dem Schlafengehen müssen noch zwei Pässe überwunden werden, damit wir im Zeitplan bleiben. Der Presolana ist relativ schnell geschafft. Aber unterwegs spielen die Gedanken verrückt. Irgendwie scheint meine Moral etwas unten zu sein – noch ein relativ hoher Pass und das nachdem wir schon über 200 Kilometer und über 4000 Kilometer in den Beinen haben. Wie schön wäre es jetzt gemütlich in einem Hotel einchecken zu können, mit einem leckeren Abendessen und einem Gläschen Wein den Abend ausklingen zu lassen … Aber wir haben es ja so gewollt. Die niederträchtigen Gedanken schnell weggewischt! Ich lenke mich ab, indem ich andauernd das Navi konsultiere, aber die Kilometer schwinden dadurch auch nicht schneller. Nur die Zeit. Wie spät wird es wohl werden, bis wir unseren Biwacksack ausrollen können? Und wenn wir den Vivione heute nicht mehr schaffen sollten? Dann würde wohl auch nichts aus den 60h und der Homologation als Randonneure, gut dann halt innerhalb 72h finishen und im Touristenmodus aufgelistet. Nein, keinesfalls! Jetzt stehen wir schon im Rampenlicht, da Mino unsere Bilder auf Facebook veröffentlicht. Welche Schmach wäre es wohl, wenn wir es nicht schaffen? Wir, die ersten, die die Superrandonneé in Angriff genommen haben? Sinnierend geht es weiter. Ich lenke mich auch dadurch ab, dass ich etwas rundum schaue. Was liegt denn da am Straßenrand? Eine Rolle original verpacker Spagat. Könnte frau gut brauchen im Garten zuhause. Mitnehmen? Ich habe schon viele Sachen unterwegs gefunden … oft sehr brauchbare, aber auch sehr unhandliche, wie zum Beispiel an einem Sella Ronda Bike Day einen Zentnersack Kartoffeln. Wie sollte ich den bloß transportieren … Habe ihn leider liegen lassen müssen. Sonnenbrillen, Buffs, mehrere Paare Radhandschuhe und und und sind schon in meinen Besitz übergegangen. Aber was soll ich mit dem Spagat machen? Ich habe so schon wenig Platz und ein recht schweres bepacktes Rad über die Pässe hochzuschleppen, schweren Herzens fahre ich also standhaft vorbei an der Rolle, genau wie an dem großen Kartoffelsack damals …
Irgendwann, ich langweile mich wieder, blättere ich zufällig wieder mal durch das Garmin-Menü. Was sehe ich da? Die elektronische Schaltung hat nur noch 60%. Nanu? Die hatte ich ja erst aufgeladen. Und ich dachte eigentlich, dass ich den Sensor deaktiviert hatte. Schnell hole ich das nach. Dass der Sensor Di2 an einem Tag so viel „Saft“ braucht, um mit dem GPS-Gerät zu kommunizieren, wusste ich auch nicht. Ich rechne fieberhaft, heute hatte es 40% „gefressen“, wenn es morgen und am Montag genau so viel braucht, dann werde ich mein Rad wohl die Passhöhen hoch schieben müssen, wenn ich nicht mehr schalten kann. Oh weh!
Auf der Passhöhe einige Restaurants, aber leider gibt es erst ab 19:00 Essen. Also machen wir uns an die Abfahrt ins Val di Scalve. Unterwegs bremsen wir aprupt. Hoch über der Schlucht des Flusses Dezzo liegt hier spektakulär das Ristorante Serenella. Wir entscheiden uns statt der Pizza für ein leckeres Nudelgericht. Die nächste Steigung kann kommen.
Ich habe gelernt:
Stets kontrollieren, dass der Di2-Sensor nicht „quatschen“ kann mit der Garmin. Das braucht einen Menge Strom … 3 Tage an und die Batterie ist leer!!! Der Sensor muss aus bleiben und nur ab und zu Kontrolle, wie voll die Batterie noch ist. (Vorausgeschickt: Es geht nochmal gut: Am Ende der Tour werden immer noch 60% Batterie übrig sein).
Und: Sparen ist gut und recht, aber Fundstücke müssen leider zurück bleiben.

7. Passo del Vivione (Km 238, 1100 Hm Aufstieg)

Die ersten Aufstiegskilometer gehen ganz leicht von der Hand. Hermann bleibt zum Anziehen stehen und ist bald aus dem Blickfeld verschwunden. Relativ fröhlich radle ich weiter, den letzten Anstieg heute werde ich wohl auch noch schaffen. Schilpario ist erreicht. Jetzt wird das Sträßchen schmaler, der Ausblick auf die umliegenden Gipfel in der letzten Abendsonne wunderbar. Aber jetzt wird es so richtig steil. Und das heute noch. Mein Mut schwindet. Ich versuche mich abzulenken und bewundere die wunderschön gelb blühenden Goldregenbüsche rundherum. Hermann überholt mich. Von vorne wütendes Hundegebell. Eine Schafherde und Hirtenhunde. Oh weh! Ich trödle etwas und beobachte, ob sie Hermann vor mir bösen gesinnt sind. Sind sie nicht … bzw. sind sie schon, aber zwischen ihm und ihnen ein Zaun steht. Also kann ich jetzt auch unbehelligt vorbei. Das nennt man wohl „feige“.
Es wird langsam dunkel. Die Straße schlängelt sich spektakulär am Hang entlang. Man kann den Abgrund links noch ein wenig sehen und vor allem erahnen. Vor uns weit oben einen Einschnitt im Bergkamm. Was? So weit müssen wir noch hoch? Meine Garmin zeigt aber, dass nur noch wenige Höhenmeter vor uns liegen. Verstehe ich nicht. Ist der vor uns hinter dem Horizont versteckt? Genau! Vor uns eine Kurve, da noch rum und man kann den Pass im letzten Licht erkennen. Warm angezogen und nun liegen 25 km Abfahrt in stockfinsterer Nacht vor uns. Nach einigen Kilometern eine Warntafel: Straßensperre!!! Was ist, wenn wir da nicht vorbei kommen? Wieder zurück? Ein langer Umweg? Die Unsicherheit lässt mich nicht nur vor der Kälte zittern. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Glücklicherweise gibt es kein Hindernis und es gibt zum Glück auch keine Müdigkeitsattacken, die mich bei Nachtfahrten öfters ereilen. Im Talgrund der Val Camonica angelangt, geht es schon Richtung Mitternacht, deshalb sollten wir langsam daran denken einen Schlafplatz zu finden. Hermann hatte zuhause einen idealen gefunden, erinnert sich aber nicht mehr, wo dieser sei. So fahren wir dem Fluss Oglio entlang taleinwärts. Es ist stockfinstere Nacht. Nicht lang und ich kann am Straßenrand schemenhaft ein paar Bänke erkennen. Ein Picknick-Platz? Wir schauen mal nach und entschließen hier zu bleiben, wer weiß, ob was Besseres nachkommt. Schnell Matratze, Biwacksack und Schlafsack ausgepackt. Hermann liegt schnell in seinem „Bett“, ich muss erst noch meine Luftmatratze aufpumpen und werde dadurch wieder so richtig wach. Nach einigem „Herumgeklaube“ bin auch ich in der Horizontalen.

Der Schlaf will nicht so schnell kommen. Ich döse ein und werde nicht lange danach wieder wach, da ich friere. Der Schlafsack ist für Temperaturbereiche über 10°. Anscheinend ist es kälter. Ich ziehe die Gore-Jacke an, mein Schlaf ist weiterhin leicht und als Hermanns Wecker klingelt, bin ich schon längst wieder wach. Schnell die Schlaf-Utensilien zusammengerollt und verstaut, Zähne geputzt und ab die Post. Vor uns liegen zwei kleinere Berge, dann der große Passo San Marco. Und vor dem nächsten Schlafengehen beim Comosee dann noch ein Pass.
Ich habe gelernt:
Erstens: Hochmut kommt vor dem Fall. Oder Einbildung ist auch eine Bildung: Gabi vorne und stellte sich vor während einer gemütlichen Rast den Göttergatten nachkommen zu lassen. Dieser holte seine bessere Hälfte aber früher als erwartet ein und war auch bald nach oben den Blicken entschwunden. Gabis Beine hingegen wurden durch den „Rückschlag“ noch schwerer.
Zweitens: Schlafplatzsuche ist nicht so leicht. Und wenn man einen geeigneten gefunden hat, dann ist die Müdikeit oft schon wieder überwunden.

8. Passo di Aprica (Km 286, 800 Hm Aufstieg)

Gegen 5 Uhr sind wir wieder im Sattel. Ein Kaffe wäre jetzt mein größter Wunsch. Und siehe da Kraft der Gedanken, nicht weit eine Bar, die kurz nach 5 schon offen hat. Stärkung mit Brioches und Lattemacchiato.

Nun kann der Pass kommen. Die Dämmerung taucht die umliegenden Berge in magisches Licht. Die Motivation ist groß, einen Großteil haben wir ja gestern geschafft. Aber der Hauptanstieg von 1770 Höhenmetern auf den Passo San Marco kann ich mir noch nicht so recht vorstellen. Ab Edolo am Nordende des Val Camonica steigt die Straße nach einer steilen Rampe moderat an. Ich entdecke ein Hinweisschild Passo Mortirolo und Gavia, das bedeutet, recht weit von daheim sind wir gar nicht mehr. Ich verbiete mir diesen Gedanken. Die Sonne geht grad auf, als wir den Passo Aprica erreichen. Flotte Abfahrt in die Valtellina, das Veltlin, das Tal der Adda. Hier sind wir schon im Vorjahr bei der TPBR durch gekommen.

9. Teglio (Km 308, 500 Hm Aufstieg)

Wir dürfen jedoch vorerst nicht im Tal bleiben, sondern die Strecke führt uns den sonnendurchfluteten Hang hinauf in das Dörfchen Teglio. Hier erwartet uns ein super gutes zweites Frühstück in der Bar auf dem Dorfplatz. Gestärkt geht es 40 Km abwärts und dann auf und ab über die „strada del vino“. Das was auf der Karte als Abfahrt erschien entpuppt sich als ziemlich kupierte Strecke. Ein Fall von „Denkste“.
Ich habe gelernt: Beim Planen habe ich die ebenen und Abwärtspassagen unterschätzt. Und sind dort immer aus dem Zeitrahmen gefallen. Aufwärts hingegen haben wir unsere Planung immer wieder eingeholt (außer beim San Marco).

10. Passo San Marco (Km 380, 1770 Hm Aufstieg)

Mittag. Wir beginnen mit der Steigung. Und die ist immer so um die 10% und mehr. Die ersten Kilometer liegen im Schatten. Um die 25 Kilometer und 1770 Höhenmeter zu überleben, teile ich mir die Strecke in 5er-Päckchen auf: 5 Km, kurze Pause, … wieder 5, Pause, … Nach den zweiten 5 sind wir zufällig in Albaredo und danach folgen 5 Kilometer mit knackiger Steigung – bis zu 15% Steigung. Wir beschließen uns vorher zu stärken – bei zünftigen Pizzocheri, naja, nicht die ideale Sportlernahrung, aber gut für die Motivation. Die Steigung geht wider Erwarten gut von der Hand, dann wird es immer mühsamer. Die Geräuschkulisse tut das Ihrige. Gefühlte Millionen Motorräder sind an diesem Sonntag unterwegs auf den San Marco. Ätzend. Irgendwann wechsele ich von 5er-Paketen auf 1er-Pausen, das heißt nach jedem Kilometer eine kurze Trink-Pause. Ich lenke mich damit ab, dass ich einen Ziegenhirten beobachte, der mit seiner Herde Richtung Almhütte zieht. Eine Geiß und ein Jungtier widersetzen sich dem Tempo der Gruppe und latschen in aller Seelenruhe hinterher. Von der Straße oben versucht aus dem Auto ein Hirtenkollege die beiden Abtrünnigen anzutreiben. Erfolglos, denn eiliger bekommen es die beiden nicht. Ich fahre weiter und bekomme das Ende der Geschichte leider nicht mehr mit.

Die Passhöhe taucht in der Ferne auf. Meine Beine motiviert das kaum merklich. Irgendwann bin ich dann da. Das Chaos hier oben ist enorm. Ungeordnet stehen Motorräder überall herum. Man kann sich nur durchschlängeln. Nach dem Passfoto und kurzem Panoramarundumblick flüchten wir wieder.

Nun geht es viele Kilometer abwärts bis ins Brembana-Tal (nanu, da waren wir doch schon mal – stimmt, am Vortag, einige Kilometer weiter südlich, da hätten wir doch eigentlich schön abkürzen können …) durch das Tal des Flusses Bremba geht es über einen schönen Radweg, angenehm diese Ruhe nun, fernab von allen knatternden Motorrädern. Nun nur noch ein Pass vor der wohlverdienten Schlafpause.


Ich habe gelernt: Pizzoccheri alla Valtellina sind zwar super lecker, aber um in der Mittagshitze auf den Pass zu wollen eher hinderlich.

11. Culmine di San Pietro (Km 435, 1200 Hm Aufstieg)

Am späten Nachmittag soll es noch einmal hoch gehen. Lust auf zusätzliche Anstrengung habe ich gar nicht. Seit der Passhöhe des San Marco schwirrt der Culmine San Pietro als Schreckgespenst durch meinen Kopf. Bei San Giovanni Bianco verlassen wir den Brembo-Fluss. Ich bräuchte dringend noch eine Bar für Kaffee, Eis und Cola, aber nichts. Wir biegen ein in das Val Taleggio und glücklicherweise finden wir hier die Bar Trattoria dell’Arlecchino. Gerettet. Ich kann mich gar nicht mehr entscheiden weiter zu fahren, so angenehm sitzt es sich unter der überdachten Terrasse.

Aber wir müssen … und folgen nun der sehr schönen und verkehrsarmen schmalen Straße durch die Schlucht des Torrente Enna. Landschaftlich wunderschön geht es weiter in moderater Steigung durch Taleggio und Vedeseta. Wir füllen nochmal unsere Trinkflaschen auf und weiter geht es durch grüne Wälder bis auf die Passhöhe des Culmine. Nun heißt es alles anziehen, denn es wird empfindlich kühl. Wie wohl die heutige Nacht wird? Werde ich wieder frieren? Aber noch ist nicht Zeit daran zu denken. Wir fahren ab nach Ballabio und weiter hinunter nach Lecco am Comer See. Am Seeufer kehren wir zum Abendessen ein. Es dämmert langsam, als wir uns nochmal auf den Weg machen. Wir wollen noch etwa 20 Kilometer weiter am Ufer des Sees bis nach Bellagio. Die Lichter der Dörfer spiegeln sich im See. Die Stimmung ist wurderschön. Zunächst geht es kilometerlang durch Tunnels. Wieder im Freien bläst uns eine sehr starke Brise entgegen.

Brise ist eigentlich kaum die richtige Bezeichnung, es ist teilweise ein ausgewachsener Fallwind, der mich mehrmals fast umwirft. Neben der Straße finden wir keine Möglichkeit unser Lager aufzuschlagen, erst als wir den Uferbereich verlassen und die Straße ansteigt, sehen nach dem Kreisverkehr eine geeignete Stelle. Ein gemauertes Gebäude mit Arkaden und darin ein Brunnen? Bei Nacht können wir es nicht genau erkennen. Rundherum gepflegter Rasen. Hinger dem Gebäude machen wir es uns gemütlich. Wieder mal ist Hermann schneller „in den Federn“. Ich brauche bis ich meinen Schlafplatz eingerichtet habe. Und dann muss ich mich mehrmals aus meinem Schlafsack schälen, denn ich rutsche von meiner Luftmatratze. Es dauert, bis ich ein ganz ebenes Plätzchen gefunden habe. Es wird schon langsam hell, als wir nach wenigen Stunden Schlaf wieder unsere Habseligkeiten zusammen packen. Kaum dass wir unsere Räder hinter dem Haus hervorgeschoben haben, hält dort die Müllabfuhr. Die hätten wohl Augen gemacht, wenn sie uns noch in unseren Schlafsäcken angetroffen hätten.
Ich habe gelernt:
Erstens: Im Taleggio-Tal: Eis und Cola wirken schnell Wunder. Auch wenn man glaubt, keinen Meter mehr fahren zu können.
Zweitens: Wie man sich bettet so liegt man.

12. Madonna del Ghisallo (Km 487, 500 Hm Aufstieg)

Ich bin schon gespannt auf den ersten Pass heute. Das Kirchlein dort ist den Ciclisti, den Radfahrern, geweiht. Der Comer See erwacht langsam. Die paar Hundert Höhenmeter schaffen wir rasch.

Und oben sind wir kurz vor Sonnenaufgang. Die Stimmung ist mystisch. Kurze Rast und wir müssen weiter. Hermann stresst. Schon am Tag zuvor hat er versucht mir vorzurechnen, dass es heute knapp werden würde. Ich tue das als Hirngespinst ab. Nur 5 kleine Pässe, grad mal 125 km und knapp 3500 Höhenmeter. Dass ich nicht lache, das reißen wir doch locker runter. Und wir haben ja lange Zeit, bis halb fünf am Nachmittag. Das wär wohl gelacht.
Kurze Abfaht von der Madonna del Ghisallo und dann liegt schon die nächste Steigung vor uns, der Berüchtigte Muro di Sormano.

13. Muro di Sormano (Km 500, 610 Hm Aufstieg)

Die Hälfte des Anstieges in moderater Steigung auf dem Rad. Nach dem Dörfchen Sormano teilt sich die Strecke, der Muro – 1,7 km oder die Ausweichstrecke über 4 Kilometer.

Da bei der Randonneé der Muro vorgesehen ist, stellt sich uns auch keine Frage. Kurz nach der Abzweigung, wirft es mich auch schon vom Rad. Wie da jemand mit dem Rennrad hoch kann? Durchschnittliche Steigung ist 17%, die maximale Steigung 25% – wir gehen die gesamten fast 2 Kilometer zu Fuß, an die 250 Höhenmeter. Zum Glück haben wir beide MTB-Schuhe mit Profil. Mit Rennradschuhen hätte man/ frau wohl barfuß hoch müssen. Oben angelangt Lattemacchiato, Brioches gibte es leider keine, überhaupt komische Hütte da oben.  Also wird unser Frühstück wohl noch warten müssen.


Die Abfahrt nach Como folgt. Kurz vor dem Ufer wird mir aber klar, dass die Uferstraße nicht eine solche ist, sondern etwa 100 m über dem See 15 km von Dorf zu Dorf und somit auf und ab verläuft. In Blevio finden wir endlich eine geöffnete Bar. Und gleich daneben der kleine Supermarkt „La Dispensa“, in dem wir uns vom sehr netten Inhaber leckere Ciabatte belegen lassen. Denn gemütliches Mittagessen ist keinesfalls drin zeitlich.
Ich habe gelernt: Nach über 500 Kilometern und über 10.000 Höhenmetern ist alles, was über 15% Steigung hat nicht mehr tretbar. Mein Drahtesel wirft mich einfach ab. Und weil ich so langsam schiebe, macht sich sogar meine Garmin über mich lustig und zeigt 0% Steigung an. Hahahahahaaaa!!!

14. San Fermo della Battaglia (Km 541, 700 Hm Aufstieg)

Kurz stürzen wir uns ins Verkehrschaos von Como. Mit Mino hatten wir Rücksprache gehalten. Original führte die Strecke bei Cernobbio in einem kleinen Bogen durch die Schweiz. Wir aber biegen kurz vorher links ab. Kilometer und Höhenmeter sind auf beiden Streckenabschnitten in etwa gleich, die Nur-Italien-Strecke sei etwas ruhiger verkehrsmäßig.  Eine kleine Nebenstraße führt uns  wieder mal nach oben. Wir erkennen, dass wir hier vor einem Jahr bei der TPBR schon mal waren. Die Sonne sticht jetzt schon ganz schön. Bald haben wir San Fermo della Battaglia erreicht und nach dem Pflichtfoto radeln wir gleich weiter. Habe ich mich schon auf das flache Stück gefreut, so erscheint es mir jetzt sehr lästig, denn flach ist es keineswegs. Ständig geht es bergauf, dann wieder bergab. Ein strammer Wind bläst uns zudem entgegen. Immer wieder scrolle ich durch meine Karte und schaue, wann denn endlich der Luganer See käme und wann endlich der nächste Aufstieg. Wer hätte das gedacht, dass ich mich nach einem Aufstieg sehne … Aber der eigentliche Berg war ja auch nicht der Beweggrund meines Wunsches. Aber wir hatten einfach noch zwei Berge vor uns und je eher die überwunden wurden desto besser. Und das Auf und Ab das fraß einfach viel Zeit. Inzwischen hatte ich Hermann Recht gegeben. Die Stunden flossen nur so dahin und noch lange waren wir nicht am Ziel. Ich rechnete immer wieder nach. Dabei verging zwar viel Zeit, aber meistens kam ich auf kein ordentliches Ergebnis. Wo hatte ich das mal gehört: Die Anstrengung knabbert zwar die Fettreserven an, aber auch Muskelmasse und Gehirn. Da haben wir den Salat, ich glaube, bei mir fängt Letzteres auch schon an. Endlich der See. Nun noch ein paar Kilometer am Ufer entlang und es geht das vorletzte Mal hoch. Kurz vor dem Anstieg sind wir schon bei der Bar vorbei, bevor wir sie bemerken. Gut, dann halt 100 m zurück, denn ohne Stärkung mit Cola und Eis werde ich die knapp 700 m Aufstieg wohl schwer schaffen.

15. Ardena e Marzio (Km 572, 680 Hm Aufstieg)

Dann geht es auf den vorletzten Berg. Meine Berechnungen sagen, wir schaffen es locker. Jetzt noch hier hoch, dann vier Kilometer runter und dann nochmal 800 Hm hoch und wir sind da. Wenn wir um 15 Uhr spätestens am Fuße des Campo die Fiori sind … Nullo Problemo. Locker Zeit genug. Was Hermann da wohl rechnet. Und wirklich, die Passhöhe ist schnell geschafft. Oben gibt es sogar einige Bänke im Schatten und wir verspeisen unser Brot.

16. Campo die Fiori (Km 600, 810 Hm Aufstieg)

Ich bin entspannt. Hermann drängt weiter. Missmutig packe ich meine Sachen. Und schaue beiläufig nochmal auf das Streckenprofil. Und da sehe ich es. Mir dämmert es … Nun stehen nicht nur 4 Kilometer Abfahrt auf dem Programm, sondern noch weitere 16 km kupiertes Gelände. Die waren mir entgangen. Fieberhaft beginnt es in meinem Hirn zu arbeiten.

Das von mir angenommene Zeitpolster beginnt zu schwinden und plötzlich werden meine Bewegungen hektischer und ich bin ruckzuck auf meinem Rad. Weiter!! Das „falso piano“ wie man im Italienischen sagt, entpuppt sich als nicht so schlimm, es geht zwar immer leicht aufwärts, wir kommen recht schnell weiter. Und dann stehen wir in der Mittags-Gluthitze am Fuß des Campo di Fiori. Die ersten Kilometer sind in der prallen Sonne und fast nicht auszuhalten. Meine 5er-Taktik vom San Marco wird hier eine 2er-Taktik. 2 km – Trinkpause – 2 km. Mir geht langsam das Wasser aus. Zum Glück fährt man jetzt in schattigen Laubwäldern. Ab und zu schöne Aussicht auf die Ebene unter uns und auf das gegenüber am Hang liegende Dörfchen Santa Maria del Monte. Und dann eine Quelle.

Besser könnte es uns nicht gehen. Und bald sind wir oben. Geschafft! Alle Anstrengungen sind (fast) vergessen. Seit dem Start sind gut 59 Stunden vergangen. Wir haben es locker geschafft, aber inzwischen hätte nicht viel schiefgehen dürfen … und längere Schlafpausen wären keinesfalls drin gewesen.
Nun haben wir noch 50 Kilometer vor uns zurück zum Start. Aber das ist eine andere Geschichte.


Unser Ziel als erste Randonneure hier homologiert zu werden gut erreicht. Das macht mich schon stolz auf uns … Und Mino kann zumindest bis zum nächsten Start von irgendwem behaupten, dass bei seinem Superbrevet die Frauenquote sehr hoch ist und zwar 50% … normalerweise starten bei solchen Events höchstens mal 10% Frauen.





















8 Kommentare zu „Superrandonneé Lombardia Extreme

  1. Hallo Gabi,
    tolle Leistung! Mann, macht das Lust! Herrliche Gegend habt ihr da ja quasi vor der Haustür. Und so manches Stück ist eh noch auf meiner Bucket-List. Madonna del Ghisalo und die Muro di Sormano z.B.

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